Nicola Spirig (39), Triathletin, Siegerin Olympische Spiele 2012, Juristin, drei Kinder (9, 4, 2)
«Ich war mir immer sicher, dass ich Enkelkinder haben möchte. Somit war klar, dass ich zuvor Mutter sein werde. Dennoch wollte ich mit der Familiengründung bis nach den Olympischen Spielen in London 2012 warten. Es war ja nicht sicher, ob ich nach einer Geburt physisch und psychisch fähig sein würde, weiter auf einem solch hohen Niveau zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten. Nach der Goldmedaille in London war ich überglücklich – und bereit, meine Spitzensportkarriere zu beenden. So konnte ich mich ohne grosse Erwartungen und Bedenken auf unser erstes Kind freuen.
Knapp ein Jahr nach der Geburt von Yannis spürte ich, dass die WettkampfMotivation und die körperliche Leistungsfähigkeit noch da waren. Aber es hatte sich in den vergangenen Monaten gezeigt, dass es für die Familie nicht das Beste war, wenn mein Mann eine 100-Prozent-Anstellung als Chef Sport im Triathlonverband innehatte und ich gleichzeitig wieder ernsthaft und professionell zu trainieren versuchte.
Reto und ich führten Gespräche, und ich wäre auch bereit gewesen, meine Karriere zu beenden. Doch wir entschieden uns für eine andere Lösung. Mein Mann gab seinen Job auf und übernahm die Hauptverantwortung für Yannis und später für die weiteren Kinder. So konnte ich wieder als Spitzenathletin arbeiten.
Auch unser zweites Kind, Malea, haben wir bewusst nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio geplant. Und bei unserem dritten Kinderwunsch wollten wir den Abstand nicht allzu gross werden lassen. Alexis kam zwei Jahre nach Malea zur Welt. Vielleicht nicht ideal für die sportlichen Grossereignisse, aber ideal für unsere Familie.
Über meinen Kinderwunsch habe ich weder mit dem Verband noch mit den Sponsoren gesprochen. Für mich war dies eine persönliche Entscheidung. Zum Glück reagierten praktisch alle positiv und verlängerten ihre Partnerschaft ohne Bedingungen.
Die kritische Einstellung gegenüber Sport in der Schwangerschaft ist zwar bei einigen bis heute geblieben, direkt angesprochen haben mich aber vor allem Menschen, die es super fanden, dass ich auch als Schwangere einen aktiven, gesunden Lebensstil führte.
Bei allen drei Schwangerschaften half der Sport in den ersten drei Monaten gegen die Übelkeit und Müdigkeit. Ich trainierte jedoch nur noch halb so viel, so blieb meinem Körper genügend Energie, um seine viel wichtigere Aufgabe zu erfüllen. Das Training diente nicht dem Ziel, die Leistung zu steigern. Auf intensive Einheiten verzichtete ich und fuhr schon früh nur noch Indoor auf der Fahrradrolle, um Stürze zu vermeiden.
Nach der Geburt machte ich schon in der ersten Woche Spaziergänge mit dem Baby und verlängerte diese allmählich. Neben Krafttraining für die Arme begann ich langsam, immer auf meinen Körper achtend, mit kurzen Einheiten auf dem Stepper. Mit Schwimmen wartete ich zu, bis keine Infektionsgefahr mehr bestand. Dank Unterstützung, Planung, gezieltem Training und Geduld gelang es mir, den Anschluss zur Weltspitze wieder zu erreichen.
Spitzensportlerinnen rate ich: Schiebt die Familienplanung nicht zu lange auf! Egal, ob man die Karriere danach fortsetzt oder nicht – die Familie wird immer das Wichtigste sein im Leben. Darum gibt es keinen schlechten Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen.»