Möglichst vorteilhaft
Gründe gibt es dafür mehrere: Den Instapics von heute gar nicht unähnlich, waren auch Eliteporträts nicht in erster Linie realitätsnahe Abbildungen, sondern kuratierte Werke. «Pockennarben wurden ebenso weggelassen wie ein sich abzeichnender Bauch», sagt die einstige Kuratorin für britische Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts am Tate Britain in London. Schliesslich wollte man die überdauernde, vorteilhafte und angemessene Repräsentation eines geliebten Menschen und keine Momentaufnahme – und schon gar keine Ermahnung an die Umstände, die vielleicht kurz darauf zum Tod geführt hatten. «Die nahende Geburt war stets begleitet von der Sorge, dass die Mutter diese nicht überleben würde.»
Einfluss hatten natürlich auch Gesellschaft und Religion: So wurden Schwangere noch im 16. Jahrhundert manchmal sogar mit übertrieben grossen Bäuchen gemalt. «Die Protestanten lehnten die Vorstellung der Katholiken ab, dass Jungfräulichkeit ein spirituell überlegener Zustand sei», erklärt Hearn, aus deren Forschung kürzlich die Ausstellung «Portraying Pregnancy: From Holbein to Social Media» am The Foundling Museum in London hervorgegangen ist. «Für sie bedeuteten vorrangig Heirat und das Zeugen von Kindern, dass man Gottes Wille ausführte.»
Später liessen sich Schwangerschaften immer weniger eindeutig ausmachen, wobei auch Modetrends hineinspielten: So brachte die französische Gemahlin von Charles I. um 1620 einen neuen Stil an den Hof in London, sodass man dort nicht mehr so eng Geschnürtes, sondern lieber lose Gewänder tragen wollte, unter denen sich die Figur nicht so klar abzeichnete. Solche zog auch Anthony van Dyck vor, der Starporträtist jener Zeit: Sie liessen sich schneller malen als die detailreichen Kostüme, die manches Model vielleicht tatsächlich trug.
Dafür wurde eine Schwangerschaft nun öfter mit Symbolen angedeutet, einem Getreidehalm am Mieder, einer Rose, einer Hand auf dem Bauch. Im 18. und 19. Jahrhundert aber verschwanden selbst subtilste Hinweise aus solchen Porträts. «England durchlief damals eine sehr konservative, sehr prüde Phase», erklärt Hearn. Alles, was auch nur im Entferntesten auf sexuelle Aktivität hindeutete, war inakzeptabel.
Spätestens die Verbreitung der Fotografie würde an diesem Versteckspiel etwas ändern, sollte man meinen; der Bauch liess sich ja nun nicht mehr mit ein paar Pinselstrichen übermalen. Doch habe man sich einfach damit beholfen, Schwangere ab dem dritten Monat nur noch vom Hals aufwärts abzulichten, erzählt die heutige Honorarprofessorin. Selbst um die Jahrtausendwende noch – Hearn hatte eben mit ihrer Forschung begonnen und in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Vorträgen dazu gehalten – sei das Thema gerade dem älteren Publikum nach wie vor unangenehm gewesen. «Meine Arbeit wurde lange als exzentrisches Hobby betrachtet.»