Optionen ohne Ende
So unterschiedlich die Ideen der beiden Betriebswirtschaftler auch sein mögen – sie fallen in eine Zeit, in der jungen Paaren langsam klar wird: Wollen beide weiterarbeiten, wenn erst mal Nachwuchs da ist und die Kindererziehung sowie alle anderen anfallenden Arbeiten partnerschaftlich teilen, klappt dies nicht von alleine. Gute Absprache, Planung aber auch Abstriche sind notwendig. So ist es kein Zufall, dass sich nach der Geburt des ersten Kindes viele Paare wieder in der klassischen Rollenteilung finden – obwohl sie dies nicht vorhatten.
Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft. Und wir wollen alles auf einmal: erfüllende Jobs, spannende Freizeitaktivitäten, unkomplizierte und zufriedene Kinder. Die Wahlmöglichkeiten sind unendlich: Welchen der unzähligen Berufe ergreifen? Kind ja oder nein? Jetzt oder später? Stillen oder Schoppen geben? Impfen oder nicht? Angesichts dieser riesigen Auswahl müssen sich Paare heute viel stärker auf sich selbst besinnen. Gleichzeitig sind die Anforderungen an sie höher, weil die Rollenverteilung nicht mehr klar ist. Gab es früher einen Alleinverdiener und eine Haushalts- und Kindermanagerin, muss im 21. Jahrhundert alles ständig neu ausgehandelt werden: Wer bleibt bei dem kranken Kind, wer geht arbeiten? Wer organisiert die Geburtstagsgeschenke, wer besucht die Schulaufführung? Umso wichtiger, findet Philipp Rufer, sei es für ein Paar zu wissen, was es will: Welche gemeinsamen Grundwerte haben wir? Ist der Erfolg im Job das Wichtigste? Auch zulasten der Kinder?
Beziehung bewusst führen
Bea, 29, und ihr Freund kennen ihre Prioritäten bereits. Die beiden waren noch nicht lange ein Paar, als sie beschlossen, einen Familienworkshop zu besuchen. «Wir wollten einfach eine bewusste Beziehung führen, die Sinn macht», sagt die Hotelfachfrau. «Früher habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht, aber nun war es mir wichtig.» Ihre Haupterkenntnis nach dem Wochenende in den Bergen: «Wir haben beide ziemlich gleiche Vorstellungen.» Wichtig war für sie aber auch zu lernen, wie man bei auftauchenden Problemen reagiert, um Konflikte zu vermeiden.
In der Tat geht es im Familienworkshop auch darum, dass Paare ihre Stärken und Schwächen erkennen und realisieren, wo es Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Wahrnehmungen gibt. Mit Übungen versuchen die Teilnehmenden Missverständnisse zu lösen. Dabei arbeiten sie mit eigenen, möglichst banalen Beispielen: Nicht abgeschlossene Wohnungstüren etwa, unterschiedliches Einkaufsverhalten oder nicht weggeräumte Schuhe und Jacken. Hanspeter, 37, der mit seiner gleichaltrigen Partnerin und deren 16-jährigem Sohn zusammenlebt, stellt fest: «Seit meine Freundin und ich den Workshop besucht haben, sind Themen, die wir bereits früher oft besprochen haben, auf einer anderen Ebene gelandet. Zum Beispiel was den Umgang mit Zeit angeht. So haben wir nun genau definiert, wer wie viel für sich sein kann und was es braucht, damit sich beide wohlfühlen.»