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«Ein Elefant für dich»

Ein Kind stirbt. Ein anderes wird geboren werden. Tausende Male kann und wird uns das egal sein. Aber manchmal nicht.

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«Ein Elefant für dich»

Ein Kind stirbt. Ein anderes wird geboren werden. Tausende Male kann und wird uns das egal sein. Aber manchmal nicht.

Das neue Jahr beginnt mit Sterben. Das neue Jahr beginnt natürlich immer mit Sterben, genauso wie mit Geboren werden, Schwerstverbrennungen, Lottogewinnen, Selbstmorden und Orgasmen. Der Berliner Liedermacher Funny hat darüber mal einen treffenden Song gemacht: «Räumliche Distanz». Das Ganze lässt sich nur aushalten, weil wir über einen individuellen Horizont verfügen, der uns einhegt. Beschränktheit als Segen. Deswegen reisst uns der Tod einiger weniger Menschen den Boden unter den Füssen weg, während uns der vieler anderer kaum oder gar nicht berührt. Wir treten auf dem winzigen Fleckchen, das unser Leben ist, auf der Stelle und hoffen gegen alle Vernunft und wider besseren Wissens, dass uns nichts passiert und all unsere Lieben sicher sind.

Aber nichts ist sicher. Ich hatte schon darüber geschrieben, dass mir jedes Mal ein bisschen das Herz in die Hose rutscht, bevor/wenn ich das Blog der Berliner Inklusionsbloggerin Mareice Kaiser lese. Weil sie liebevoll, unprätentiös und vollkommen jammerfrei über sich und ihre Familie schreibt, zu der auch eine mehrfach behinderte Tochter gehört. Weil sie Humor hat, obwohl ihre Umwelt ihr ständig Hindernisse in den Weg legt. Weil sie dann auch noch mal eben so mit ein paar Mitstreiterinnen die Flüchtlingsinitiative «Kreuzberg Hilft» aus dem Boden stampft, während wir anderen… ja was eigentlich machen?!

Und jetzt das. Am 30. Dezember ist Mareices Kaiserin in ihren Armen gestorben. Ein paar Tage zuvor habe ich erfahren, dass ich noch einmal (zum letzten Mal) Vater werde. In unserem Feriendomizil in Österreich vollführe ich ein paar Luftsprünge, die den Boden erzittern lassen. Weiter nördlich macht sich eine gewaltige Herde Elefanten auf den Weg, deren Dröhnen bis über die Alpen dringt. Irgendwo dazwischen wird das Konzept «Räumliche Distanz» pulverisiert. In mir tanzt ein Gespensterkind mit einem noch ungeborenen Kind und ich bin sehr angefasst. An Stellen, die ich ansonsten mit Panzerplatten schütze, mit Sprüchen belege und mit Lügen verleugne. Mag sein, dass das distanzlos ist. Schon möglich, dass ich abgebrühter, realistischer, erwachsener und tausend andere Dinge sein sollte, die ich gerade alle ankotzen, aussperren und wegschaffen lassen will. Ist mir egal. Es interessiert mich auch nicht, ob es naiv oder unangemessen wirkt, was ich dazu schlussendlich noch zu sagen habe:

Du bist so ein verdammtes Arschloch, Tod!

Blogger Nils Pickert

Blogger Nils Pickert

Nils Pickert (1979), geboren in Ostberlin, nach dem Mauerfall mit einer waschechten Kreuzbergerin angebändelt. Gegenwärtig 4 Kinder: Emma (12), Emil (10), Theo (2½) und Maja (bald 1). Arbeitet als freier Journalist für diverse Medien und als Weltverbesserer bei dem Verein Pinkstinks, der sich unter anderem gegen Sexismus in der Werbung engagiert. Wurde von der «Weltwoche» mal als «maximal emanzipierter Mann» beleidigt, findet aber, dass ihm der Titel steht. Bloggt für «wir eltern» über Alltag mit Kindern, gleichberechtigtes Familienleben, neue Väter, Elternbeziehungen, Erziehungswahnsinn.
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