Sie sagen, man könne die Hoffnung, dieses Urvertrauen nie ganz verlieren. Was macht sie da so sicher?
Für mich ist das der Kern unseres Menschseins. Wir hoffen doch immer, dass es besser wird, wir machen immer irgendwie weiter. Ohne Hoffnung kein Überlebenstrieb. Selbst todkranke Menschen hoffen noch und sei es auf das Paradies. Stirbt die Hoffnung, stirbt der Mensch.
Durch eine sichere Eltern-Kind-Bindung lernen Kinder in die Welt und sich zu vertrauen. Wie können Eltern das erreichen?
Dafür braucht es gar nicht so viel. Ein kleines Kind muss gesehen, gehört und berührt werden. Und dies muss mit einer gewissen Vorhersehbarkeit geschehen. Nichts erschüttert kindliches Vertrauen so sehr wie Unzuverlässigkeit.
Doch jede Mutter, jeder Vater enttäuscht seine Kinder auch mal.
Klar gibt es mal Enttäuschungen, dauert es mal länger, bis jemand in der Nacht aufsteht. Aber wenn das nicht regelmässig passiert, dann ist das kein Problem. Entscheidender ist der liebevolle Blick, die liebevolle Berührung, die von den Bezugspersonen ausgeht. Das Konzept der Eltern, die gut genug sind, daran sollten wir uns halten. Eltern müssen nicht perfekt sein, sondern authentisch und eben grundsätzlich verlässlich. Was nicht gleichbedeutend mit aufopferungsvoll und dienend ist.
Die ersten Lebensjahre sind schnell vorbei. Was, wenn da nicht alles perfekt gelaufen ist? Kann man Vertrauen auch später wieder lernen?
Ja, zum Glück jederzeit durch neue Beziehungen. Aber es dauert. Wir wissen, dass Menschen die frühkindlich wenig Vertrauen erfahren haben, Beziehungen oft sehr schnell abbrechen. Sie können mit Vertrauensrissen sehr schlecht umgehen, können zwischen kleinen Haarrissen und grossen Brüchen schlecht unterscheiden. Sie brauchen dann Menschen, die extrem verlässlich sind, auch dann nicht weggehen, wenn sie sich vielleicht nicht ideal verhalten.
Wie kann man in einer Beziehung – etwa nach Untreue – wieder Vertrauen fassen?
Man muss lernen die eigenen Gefühle zu spüren und auch richtig auszudrücken – wir können unser Gegenüber besser vertrauen, wenn er seine Gefühle artikulieren kann. Und auch Erwachsene müssen sich gegenseitig sehen, hören und berühren, um Vertrauen (wieder)aufbauen zu können.
Wer viel misstraut, der sollte sich mit seinen Schatten beschäftigen, schreiben Sie. Hat Misstrauen also mehr mit uns selbst als mit unserem Gegenüber zu tun?
Ja, das ist das Schatten-Konzept von C.G. Jung. Wir alle haben Seiten in uns, die wir nicht besonders mögen und verdrängen. Und genau diese projizieren wir dann sehr leicht in andere Menschen.
Das würde aber bedeuten, sehr korrekte und moralische Leute, die diese Ansprüche auch an ihr Umfeld stellen, sollten sich besser mal mit ihren Schatten beschäftigen?
Ja, wir leben doch zurzeit gerade in einer hochmoralischen, überkorrekten Gesellschaft – jegliches Fehlverhalten wird sofort massiv getadelt. Ich frag mich oft, ob diese Menschen schlicht verdrängen, dass niemand ohne Fehl und Tadel ist. Ob sie wirklich erwarten, dass etwa Politiker* innen immer alles richtig machen? Woher rühren diese enormen Erwartungen? Ich vermute, diese Menschen haben nicht gelernt, dass kleine Vertrauensbrüche normal sind, dass sie das aushalten können und müssen.
Haben Menschen früher leichter vertraut?
Ja, das hat auch mit der Kleinräumigkeit der früheren Welt zu tun. Man kannte sich, hatte Erfahrungswerte mit den Menschen, die einem umgaben, das ist heute nicht mehr so – wir müssen sozusagen auf Vorschuss vertrauen. Und das können viele Menschen nicht so gut.
Sie plädieren dafür, dass wir einander vertrauen müssen, um gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu finden.
Ja, wir müssen uns gemeinsam kümmern, um unsere Erde, um unsere Nächsten. Und wir müssen darauf vertrauen, dass wir es gemeinsam schaffen. Das nimmt uns die Angst. Darum beteiligen sich Junge an den Klimademonstrationen, weil sie dort dieses Wir-Gefühl erleben. Gemeinsam nach Lösungen zu suchen, gibt Hoffnung.
Momentan scheint sich Misstrauen aber deutlich schneller auszubreiten als Vertrauen.
Ja, das sieht man an all den Verschwörungstheorien, die auf grossem Misstrauen gegenüber jeglichen Instanzen und Informationen beruhen. Sie sprechen vor allem Menschen an, die enttäuscht wurden, die nicht mehr vertrauen können und sich dann in diesem Strudel von Schreckensszenarien wiederfinden. Glücklich und zufriedener werden sie damit aber nicht.
Sie werden im nächsten Jahr 80 und haben schon einige Krisen erlebt. Ist ihr Vertrauen nie erschüttert worden?
Nein, das Vertrauen oder die Hoffnung habe ich nie verloren. Aber meine Erwartungen habe ich angepasst. Auch wenn ich finde, dass die Welt gerade ziemlich in Schieflage ist. Aber ich weiss, dass Menschen in schwierigen Situationen extrem kreativ werden, und darauf vertraue ich.